Glossar · Unternehmensführung Verantwortungseigentum (Steward Ownership / Stiftungseigentum)
Ein Modell für Unternehmenseigentum, bei dem die Stimmrechtskontrolle treuhänderisch von Personen oder Institutionen ausgeübt wird, die an den Unternehmenszweck gebunden sind, statt von renditeorientierten Anteilseignern. Gewinne können ausgeschüttet werden, doch die Kontrolle darüber, wozu das Unternehmen da ist, kann nicht an private Käufer übertragen werden.
## Was Verantwortungseigentum tatsächlich ist
Verantwortungseigentum – im internationalen Diskurs auch als **Steward Ownership** bekannt – ist ein Modell des Unternehmenseigentums, das auf zwei bindenden Grundprinzipien ruht. Der Begriff stammt aus der deutschen Rechtswissenschaft und wurde insbesondere durch die Stiftung Verantwortungseigentum sowie durch Arbeiten von Armin Steuernagel, Adrian Hensen und Anne-Kathrin Kuhlemann geprägt:
1. **Selbstbestimmung**: Die Stimmrechtskontrolle liegt bei Personen, die dem Unternehmenszweck verpflichtet sind, nicht bei externen Investoren mit Renditeextraktionsabsicht.
2. **Gewinn als Mittel, nicht als Selbstzweck**: Gewinne dürfen erwirtschaftet und ausgeschüttet werden, doch das Unternehmen ist nicht im klassischen Sinne *verkäuflich*. Eigenkapital kann nicht so an einen privaten Käufer übertragen werden, dass sich der Sinn und Zweck des Unternehmens ändert.
Der Mechanismus variiert – Stiftungen, Perpetual Purpose Trusts, Stimmrechtsstrukturen mit nicht übertragbaren Golden Shares –, doch die Substanz ist dieselbe: Kontrolle wird vom extrahierbaren Eigenkapital entkoppelt.
## Wie es strukturell funktioniert
Im klassischen Modell kontrolliert derjenige das Unternehmen, der die meisten Anteile hält. Die implizite Annahme: Anteilseigner sind gewinnmaximierend, und das Unternehmen existiert, um ihnen zu dienen. Eine Übernahme ist stets ein möglicher Exit; ein schleichender Zweckverlust („Mission Drift") wird strukturell begünstigt.
Verantwortungseigentum kehrt diese Logik um. Die stimmberechtigten Anteile werden von einer Institution gehalten (typischerweise einer Stiftung oder einem Trust), deren Satzung sie an den Unternehmenszweck bindet. Diese Anteile sind bewusst nicht übertragbar. Gewinne können weiterhin an wirtschaftlich Beteiligte (Mitarbeitende, Familienkreis, breitere Stakeholder) fließen, doch die Frage *wer entscheidet, wofür dieses Unternehmen steht* ist im Voraus geklärt.
Die vier typischen Mechanismen im europäischen Recht:
- **Stiftungseigentum** – deutsche, schweizerische, niederländische und dänische Rechtsstiftungen, die die Stimmrechtsmehrheit halten. Das verbreitetste Modell.
- **Perpetual Purpose Trust** – Common-Law-Jurisdiktionen (UK, USA). Patagonia nutzt diese Form.
- **Stewardship-Vehikel mit Golden Shares** – spezielle, nicht übertragbare Stimmrechtsanteile mit Vetorecht gegen Zweckänderungen.
- **Genossenschaft** – mitgliederbasierte Selbstverwaltung (seltener als Verantwortungseigentum bezeichnet, aber verwandt).
In Deutschland wird seit Jahren eine eigene Rechtsform diskutiert – die „Gesellschaft mit gebundenem Vermögen" (GmbH-gebV) –, die das Verantwortungseigentum kodifiziert verfügbar machen soll, ohne den Umweg über eine Stiftungskonstruktion.
## Europäische Unternehmen im Verantwortungseigentum
Es handelt sich nicht um ein neues oder randständiges Modell. Es trägt einige der strategisch wichtigsten Unternehmen Europas:
| Unternehmen | Treuhänder | Land | Sektor |
|-------------|------------|------|--------|
| Bosch | Robert Bosch Stiftung | Deutschland | Industrie |
| Zeiss | Carl-Zeiss-Stiftung | Deutschland | Optik/Lithografie |
| Ikea | Interogo Foundation | Schweden/Liechtenstein | Einzelhandel |
| Bertelsmann | Bertelsmann Stiftung | Deutschland | Medien |
| Heraeus | Heraeus Holding (Familientreuhand) | Deutschland | Industrie |
| dm-drogerie markt | Familie Werner + Stewardship | Deutschland | Einzelhandel |
| Mahle | Mahle-Stiftung | Deutschland | Automobilzulieferer |
| Mozilla Corporation | Mozilla Foundation | USA/global | Software |
| Patagonia | Holdfast Collective + Purpose Trust | USA | Bekleidung |
| **Infomaniak** | **Infomaniak Foundation** | **Schweiz** | **Cloud-Infrastruktur** |
Die Carl-Zeiss-Stiftung geht auf das Jahr 1889 zurück und wurde von Ernst Abbe konzipiert – eine der historisch bedeutendsten Konstruktionen dieses Typs. Die Robert Bosch Stiftung folgte 1964. Verantwortungseigentum ist damit eine der ältesten Unternehmensformen des kontinentalen Europas.
## Warum es für die europäische Tech-Branche wichtig ist
Für europäische Tech-Einkäufer löst Verantwortungseigentum drei Probleme, die gewöhnliche Unternehmensstrukturen nicht lösen können:
### 1. Übernahmeimmunität
Ein im Verantwortungseigentum geführtes Unternehmen kann nicht an einen strategischen Käufer verkauft werden. Ob Sie einen Cloud-Anbieter, ein SaaS-Tool oder einen kritischen Infrastrukturpartner wählen – die Frage „Was passiert, wenn Microsoft sie übernimmt?" wird gegenstandslos. Die Anteile stehen nicht zum Verkauf.
### 2. Zweckbindung mit rechtlicher Wirkung
Die Stiftungssatzung ist durchsetzbar. Wollte ein künftiger Vorstand das Unternehmen entgegen dem ursprünglichen Zweck umsteuern, handelte er gegen die Treuepflicht des Stiftungsorgans. Das ist substanziell etwas anderes als der CEO, der bloß verspricht, „unabhängig zu bleiben" – ein solches Versprechen hat keine rechtliche Bindungskraft.
### 3. Langfristige Zeithorizonte
Ohne Quartalsdruck und Investor-Exit-Fristen können Unternehmen im Verantwortungseigentum Zwanzig-Jahres-Entscheidungen treffen. Boschs Reinvestitionsmuster, die langen Produktzyklen bei Zeiss, Mozillas Förderung offener Standards – all das wird erst möglich, weil kein Investor schnellere Renditen einfordert.
## Warum es für die europäische Souveränität wichtig ist
Debatten über digitale Souveränität konzentrieren sich meist auf Technologie und Jurisdiktion. Verantwortungseigentum fügt eine Governance-Dimension hinzu, die andere Hebel nicht abdecken können.
Ein DSGVO-konformer Cloud-Anbieter in Frankfurt, der 2030 von Oracle übernommen wird, ist 2031 kein europäisches Souveränitätsasset mehr. Rechenzentrum, Personal, technischer Aufbau – alles bleibt bestehen, aber die strategische Kontrolle liegt bei einem US-Mutterkonzern. EU-Regulierer können nachträglich Bußgelder verhängen, doch der Governance-Wechsel ist endgültig.
Ein im Verantwortungseigentum geführter Cloud-Anbieter in Genf kann diesen Weg nicht gehen. Die Anteile sind strukturell nicht übertragbar. Genau deshalb ist die Ankündigung der [Infomaniak-Stiftung](/de/blog/infomaniak-foundation-steward-ownership-2026/) vom Mai 2026 ein kategorischer und kein inkrementeller Schritt. Sie bindet Infomaniaks Souveränitätsposition an einen Rechtsmechanismus, der die Gründer und jeden künftigen Vorstandswechsel überdauert.
## Verantwortungseigentum im Vergleich zu verwandten Formen
| Form | Stimmrechtskontrolle | Übernahme möglich? | Gewinnausschüttung | Satzungsbindung? |
|------|----------------------|---------------------|----------------------|------------------|
| Börsennotierte AG | Aktionäre | Ja, regelmäßig | Dividenden | Nein |
| VC-finanziertes Unternehmen | Investoren + Gründer | Ja, erwartet | Reinvestition, dann Exit | Nein |
| B Corporation | Anteilseigner | Ja | Dividenden | Freiwillig |
| Genossenschaft | Mitglieder | Durch Satzung begrenzt | Überschuss an Mitglieder | Satzungsgebunden |
| **Verantwortungseigentum** | **Stiftung/Trust** | **Nein** | **Möglich (gedeckelt)** | **Ja, durchsetzbar** |
| Staatseigentum | Regierung | Politische Entscheidung | Staatshaushalt | Politisch |
B-Corp-Zertifizierungen werden häufig mit Verantwortungseigentum verwechselt. Es ist nicht dasselbe. Eine B Corp kann morgen an jeden verkauft werden. Verantwortungseigentum verhindert den Verkauf auf struktureller Ebene.
## Was es nicht löst
Verantwortungseigentum schützt vor Governance-Versagen, nicht vor Ausführungsversagen. Ein Unternehmen im Verantwortungseigentum kann immer noch:
- ein schlechteres Produkt als Wettbewerber liefern
- Talente nicht gewinnen
- Geld verlieren
- strategische Fehlentscheidungen treffen
In mancher Hinsicht engt Verantwortungseigentum die Krisenmanagement-Optionen ein. Ein stiftungsgetragenes Unternehmen kann kein Eigenkapital von Private-Equity-Investoren aufnehmen, um ein schlechtes Jahr aufzufangen. Es muss den Cashflow selbst erwirtschaften, Fremdkapital aufnehmen oder langsameres Wachstum akzeptieren. Dieser Trade-off ist gewollt, aber er ist real.
## Das europäische Muster im Jahr 2026
Was 2026 geschieht, ist die Übertragung des Verantwortungseigentums auf die digitale Infrastruktur, nachdem es bislang vor allem in der Industrie und im Konsumgütersektor verbreitet war. Die Infomaniak-Stiftung ist eines der größten und operativ bedeutendsten Beispiele im Cloud-Sektor.
In den Jahren 2026 bis 2030 ist mit weiteren europäischen Tech-Gründerinnen und -Gründern zu rechnen, die das Modell übernehmen – besonders bei Unternehmen, deren Wertversprechen auf langfristigem Vertrauen beruht:
- Datenschutzfokussierte Werkzeuge (E-Mail, Messaging, VPN)
- Cloud-Infrastrukturanbieter
- KI-Unternehmen, die sich glaubhaft zur Nicht-Extraktion verpflichten wollen
- Kritische SaaS in regulierten Branchen (Gesundheit, Finanzen, Bildung)
Im europäischen Tech-Einkauf wird „Ist das Unternehmen im Verantwortungseigentum?" zu einem echten Bewertungskriterium neben „Ist es DSGVO-konform?" und „Wo werden die Daten gehostet?".
## Praktische Implikationen
### Für europäische Unternehmen bei der Anbieterauswahl
Ein im Verantwortungseigentum geführter Anbieter ist ein strukturelles Souveränitätsasset. Der Übernahmerisiko-Aufschlag, den man bei „EU, aber VC-finanziert" einkalkulieren sollte, entfällt hier.
### Für regulierte Branchen
In Sektoren, in denen Vendor-Lock-in besonders gefährlich ist (Gesundheit, Finanzen, öffentlicher Sektor), reduziert Verantwortungseigentum das Anbieterrisiko über Horizonte von zehn Jahren und mehr substanziell.
### Für Investoren
Das Modell schließt klassische Venture-Exit-Renditen aus, ermöglicht aber langfristige, kuponartige Erträge über Dividenden. In Deutschland und der Schweiz entstehen derzeit neue Investitionsvehikel, die speziell für Unternehmen im Verantwortungseigentum strukturiert sind.
### Für Gründerinnen und Gründer
Wer sein Unternehmen um einen Zweck herum aufgebaut hat und sich sorgt, ob dieser Zweck einen späteren Verkauf überlebt, findet im Verantwortungseigentum den rechtlichen Mechanismus, der den Zweck *über die Gründer hinaus* trägt.
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